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Das Eneagramm?

Herkunft und Schulen

Die Wurzeln des Enneagramm sind im Dunkeln. Manche Vertreter von Lehren, die das Enneagramm verwenden, gehen von einem antiken Ursprung aus, wobei es über den Kulturkreis verschiedene Spekulationen gibt. Vielen Vermutungen zufolge ist das Enneagramm vom Sufismus (islamische Mystik) überliefert. Die heutige Form des Enneagramms wurde von Georges Gurdjieff entwickelt. Er stellte es 1916 zunächst einigen Schülern vor. Die Verwendung als Persönlichkeitsenneagramm wurde erstmals in den 1960er Jahren von Oscar Ichazo eingeführt, der somit der Urheber des modernen Persönlichkeitsenneagramms ist. In seiner Anwendung entwickelten sich vier grundsätzliche Richtungen:

  1. Persönlichkeitstypologie: Lehre von Oscar Ichazo.
  2. Christliche Deutung: Vertreter sind Richard Rohr, Andreas Ebert, Bob Ochs in einer jesuitischen Tradition.
  3. Psychologische Richtung: Vertreter sind Claudio Naranjo, Helen Palmer und Don Richard Riso. Das Enneagramm wird als ein Mittel zu mehr Selbsterkenntnis und persönlichem Wachstum gesehen.
  4. Spirituelle Richtung: Vertreter sind Eli Jaxon Bear, Sandra Maitri oder Almaas. Ziel ist nicht das Wachstum innerhalb der Struktur, sondern die Loslösung von der Identifikation damit und die Verbindung mit der kosmischen Intelligenz.

Drei Grundenergien und Lebensthemen

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Enneagramm heisst Neuner-Figur und kommt aus dem Griechischen (ennea = neun; gramma = Figur).

Das Modell Enneagramm geht von der Einteilung psychischer Energie in drei Wahrnehmungs- und Organisationszentren aus: Kopf (Verstand/Ratio), Herz (Gefühle) und Bauch (Intuition/Instinkt). Diese drei Zentren sind jedem Menschen aus dem alltäglichen Sprachgebrauch bekannt. Das Enneagramm zeigt also auf, dass jeder Mensch in einem dieser drei Zentren verankert ist und somit das leitende Zentrum für sein Denken, Fühlen und Handeln ist.

Diese drei Haupttypen bilden das zentrale Dreieck (9-3-6) des Enneagramms. Dies führt zu einer Einteilung in drei Enneagramm-Bereiche, die jeweils drei nebeneinanderliegende Strukturen und Lebensthemen umfassen:

  • Bauch-Strukturen (Instinkttriade): 8, 9 und 1 = Autonomie
  • Herz-Strukturen (Gefühlstriade): 2, 3 und 4 = Beziehung
  • Kopf-Strukturen (Denktriade): 5, 6 und 7 = Sicherheit

Wenn Menschen einen ressourcenhaften Zugang zu allen drei Zentren haben, so sind sie breit aufgestellt, in Bezug auf ihre Möglichkeiten wahrzunehmen, zu beurteilen, zu fühlen, zu handeln und zu verarbeiten.

Das systemische Enneagramm: Enneagrammstruktur vs. Umwelteinflüsse

Das Enneagramm ist der Boden, auf dem die unterschiedlichen Anteile der Psyche sich entwickeln, wachsen und verändern. Der Boden muss nicht unbedingt sichtbar und wahrnehmbar sein, er kann durch den Lauf des Lebens und die daraus resultierenden, individuellen Eigenschaften „überwachsen“ sein. Auf dem Boden können unterschiedliche Pflanzen (= Verhaltensweisen) wachsen, was bedeutet, dass gleiche Verhaltensweisen nicht unbedingt gleiche Enneagrammstrukturen bedeuten muss. Umgekehrt gilt genauso, dass unterschiedliches Verhalten nicht unterschiedliche Enneagrammstrukturen bedeuten muss.

Umwelteinflüsse (Familie, Traumata etc.) können prägender sein als die Enneagrammstruktur selber. Diese kann dadurch „deformiert“ oder verschleiert sein. Der Boden der Struktur ist aber weiterhin vorhanden und in jedem Falle eine Ressource, die nicht ungenutzt sein sollte. Wer nicht im Einklang mit seiner Struktur lebt, der „arbeitet“ gegen die eigene „Natur“ und dies ist, wie wenn man sich gegen den Fluss des Lebens stellt: Anstrengend und man fühlt sich „nicht zu Hause“. Wer also Zugang zu seiner Struktur hat, erlebt nicht nur die Grenzen darin, sondern auch die Stärkung, durch das Potenzial, welches in jeder Enneagrammstruktur vorhanden ist.

Somit ist es sinnvoll, das Enneagramm immer im Zusammenhang mit den systemischen Einflüssen anzuschauen. Denn eine Enneagrammstruktur von biografischen Themen oder einer psychischen Fehlhaltung zu unterscheiden Bedarf unter Umständen einer genauen Prüfung.